Ajaccio, die weiße Stadt auf Korsika

0

Der Anker versank schnell in der Meerestiefe. Es war im Morgengrauen eines Frühlingstages des Jahres 1492. Drei genueser Edelleute und der Mailänder Architekt Cristoforo Gandino beobachteten von der Brücke ihres Schiffs aus den Wunderbaren Golf an der Westküste von Korsika und stellten sich zum ersten Mal die Umrisse der zukünftigen „weißen Stadt“ vor. Traumhaftes Ziel für Reisende.
Und auch heute noch wird Ajaccio vom Meer aus „eingenommen“. Am 30. April desselben Jahres wurde der Grundstein zur Zitadelle gelegt und ein Astrologe versicherte, dass dieser Tag der zukünftigen ligurischen Burg Glück gebracht hätte. Bis 1582 war Ajaccio denn auch den Korsen verboten und die Hirten, die mit ihren Herden von den Bergen herunterkamen, mussten „all’addiaccio“, d.h. außerhalb der Mauern schlafen. Daher stammt denn auch der Name dieser Stadt auf Korsika, auch wenn noch jemand meinen mag, er leite sich auf den homerischen Helden Ajax zurück, der an diesen Küsten gestrandet sein soll.

Ist der erste Mythos von Ajaccio auch zerschlagen, so bleibt noch ein zweiter: Napoleon. Er wurde in der Tat in der korsischen Hauptstadt am 15. August 1769 geboren. Im Rücken der Zitadelle liegen sein Geburtshaus, im Place Letizia, und die Kathedrale von Notre-Dame-de-la-Misdricorde, wo er getauft wurde. Sein Name hallt in der ganzen Stadt wider. Und doch ist Napoleon für ihre Einwohner nicht viel mehr als ein etwas berühmterer Mann als andere und sicherlich ist er kein Mythos. 1921, an seinem 100. Todestag hing denn auch nur ein einfaches Tuch an seinem Haus, worauf zu lesen war: „Für Napoleon, von den Bewohnern seines Viertels“.

Ajaccio – die etwas andere Stadt auf Korsika

Was sofort auffällt, wenn man in Ajaccio an Land geht, ist die grundverschiedene Atmosphäre im Vergleich zu anderen Städten auf Korsika. Mit seinen großen, vom Baron Haussmann entworfenen Boulevards im Pariser Stil ist Ajaccio fröhlich, sonnig und sorglos. Place Campinchi verwandelt sich jeden Morgen in einen bunten Markt; Cour Napoleon ist die Hauptpromenade mit seinen Restaurants, Kinos und Bistrots, wo die Ajacceser ihren täglichen Ritus des Pastis abhalten, und wehe dem, der seine Runde Aperitive nicht bezahlt. In jeder Straße des Zentrums gibt es Geschäfte mit Handwerkserzeugnissen aus Leder und Holz, Antiquariate und Weber. In Rue S. Lucie 1 gibt es auch eine Buchhandlung, das erste und wahrscheinlich einzige Buchantiquariat auf Korsika; sein Name ist „Le Temps retrouvé“. Die Bewohner von Ajaccio bilden ein Gemisch verschiedener Rassen (Korsen, Algerier, Franzosen) mit immer frohen und gebräunten Gesichtern. Hier gibt es mehr „Ansässige“ als „Wahlberechtigte“.

Das ist auch nicht verwunderlich. Nachdem Ajaccio 1975 zum Verwaltungszentrum von Korsika erklärt worden war mit Büros, Gericht und Prefektur für Südkorsika, mit Handelskammer und Bischofssitz, hat sie Scharen von Direktoren, Angestellten, Managern und frei Berufstätigen aufgenommen, welche Ajaccio wie einen angenehmen „Durchgangsritus“ erleben. Außerhalb des Büros sind die wichtigen Dinge des Lebens andere. Auch vom urbanistischen Standpunkt her ist Ajaccio mehrdimensional. Im Rücken des alten Zentrums erhebt sich die moderne Stadt mit ihren großen weißen Gebäuden und ärmeren Vierteln, wie Oliveto und Balestrino. In diesen Sozialwohnungen (oder wie sie hier genannt werden: HLM) leben mehr als 50 % der Einwohner. Einige meinen, dieser neue Stadtteil gliedere sich gut in das Ganze ein, aber es gibt auch Stimmen, die ihn als Vergreifung an der Landschaft brandmarken. Doch die Faszination der Hauptstadt der größten Insel von Frankreich geht auch von der Schönheit der umliegenden Landschaft aus. Ein Traum im Traum – im Korsika-Urlaub!

Im Korsika-Urlaub die Umgebung von Ajaccio entdecken

Auf dem Weg nach Norden in Richtung Punta della Parata, trifft man zuerst auf die Burg Castello di Punta, die genaue Kopie eines Padillons der Pariser Tuileries. Sie wurde hier auf Korsika 1891 von den Grafen Gerolamo und Carlo Pozzo di Borgo als „wertvolles Andenken an die Hauptstadt“ erbaut. Dann kommt man zur Cappella dei Grecí aus dem 17. Jh. und, etwa zwölf km von Ajaccio entfernt, zuletzt zur Punta della Parata mit ihrem alten genueser Wachturm. Wir steigen zu Fuß bis zur Spitze des Kaps hinab, um das Schauspiel der Sanguinaires zu bewundern, einer Gruppe von Inseln aus rötlichem Porphyr. Auf der größten, der Isola di Mezzo, die heute unbewohnt ist, wohnte zu Beginn des 16. Jhs. die mutige ligurische-Familie Ponte. Sie hatte von Genua die Erlaubnis erhalten unter der Bedingung, 800 Reebstöcke und 600 Fruchtbäume auf Korsika zu pflanzen. 1863 lebte hier auch für einige Wochen der Schriftsteller Alphonse Daudet, der sich ihrer auf den Seiten seiner „Briefe aus meiner Mühle“ (1869) erinnert. Ajaccio und Umgebung lohnen sich als Ziel im Urlaub auf Korsika.

Kommentare geschlossen